zwangsheirat.ch – ein Programm verankert Menschenrechte
www.zwangsheirat.ch


Trägerschaft:
Katamaran: Verein zur Integration der Tamilisch sprechenden Gemeinschaft in der Schweiz,
Postfach 1511, 6301 Zug.

Partnerschaften:
Verein Integrationsnetz Zug, Postfach 2325, 6302 Zug www.integrationsnetz.org
Verein Polit-Forum Zentralschweiz, 6000 Luzern www.polit-forum.org


›Eine Ehe darf nur im freien und vollen Einverständnis der künftigen Ehegatten geschlossen werden.‹Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 Artikel 16, Absatz 2

Seit 2003 beschäftigt sich ein Team aus Mitgliedern der Vereine ›Katamaran: Verein für die Integration der Tamilisch sprechenden Gemeinschaft in der Schweiz‹ und Integrationsnetz Zug mit dem Thema der Zwangsverheiratung unter MigrantInnen und unter ihren Nachkommen. Mit ›zwangsheirat.ch‹ haben wir uns für ein überaus komplexes, herausforderndes und heikles Thema entschieden, bei dem es unabdingbar ist, engagiert, professionell, wissenschaftlich und mit grosser interkultureller Kompetenz vorzugehen. Wir sind der Ansicht, dass gerade Organisationen, denen die Integration von unterprivilegierten MigrantInnen im Sinne der Chancengleichheit und der Emanzipation ein echtes Anliegen ist, sich dieser Herausforderung stellen müssen und solche ›unschönen‹ Themen nicht rechtspopulistischen und fremdenfeindlichen Kreisen überlassen dürfen.

Das Integrationsnetz Zug hat in den vergangenen Jahren mit vielfältigen Projekten und Diskussionsveranstaltungen seine anwaltschaftliche Haltung zugunsten der Rechte von MigrantInnen bewiesen. In dieser menschenrechtlichen und prointegrativen Tradition steht nun auch das Programm ›zwangsheirat.ch‹, in welchem es darum geht, die Öffentlichkeit für Praktiken zu sensibilisieren, mit denen in den abgeschlossensten Teilen der Gesellschaft die individuellen Rechte junger Menschen, darunter vor allem von Mädchen und Frauen, aber auch von jungen Männern, eingeschränkt und verletzt werden. Dazu gehört die Praxis der Zwangsverheiratung, die weniger mit einer bestimmten Religion oder Herkunft, als vielmehr mit über­kommenen familialistischen Traditionen und nicht zuletzt auch mit ausländerrechtlichen und ökonomischen Gründen zu tun hat: dann nämlich, wenn die Zwangsverheiratung eines Mädchens mit einem Bekannten aus dem Heimatdorf diesem die Einreise in die Schweiz und eine bessere Existenz ermöglichen soll, was aufgrund der restriktiven ausländerrechtlichen Bestimmungen ansonsten nicht möglich ist.

Das schweizweite Programm, das auch von Integrationsfachstellen verschiedener Kantone sowie von der Eidgenössischen Kommission für Ausländerfragen (EKA) unterstützt wird, wird uns während mehrerer Jahre beschäftigen. Mittels filmischen Beiträgen, Interviews von Betroffenen, Postkartenaktionen, Diskussionsplattformen und einer engen Zusammenarbeit mit Medien und politischen Institutionen soll eine breite Öffentlichkeit, d.h. Behörden und Betroffene, auf das Thema sensibilisiert werden.

Mehr zum Projekt und den damit verbundenen Aktionen und wissenschaftlichen Arbeiten erfahren Sie auf der umfassenden Website www.zwangsheirat.ch. Für Zug-spezifi­sche Aktivitäten jeweils auch auf unserer Website.


Ziele des gesamten Programms:


Erarbeitung von fachlichen Grundlagen über das Phänomen Zwangsheirat in der Schweiz durch ein wissenschaftliches Monitoring, bzw. Begleitteam.

Zur Sensibilisierung und Aufklärung mit und für Betroffene(n) und Bedrohte(n) und AkteurInnen aus den Bereichen Schule, Politik, Integration, Behörden, Polizei, Schutzeinrichtungen, etc. werden verschiedene wissensvermittelnde Projektaktivitäten durchgeführt.

Internationaler und interdisziplinärer, fachlicher und wissenschaftlicher Austausch.

Projektmitglieder und -mitarbeitende erfahren Empowerment (Eigenermächtigung) und bilden sich in den persönlichen Fähigkeiten weiter. Sie werden gefördert und gefordert, aktiv zu partizipieren und die Zivilgesellschaft auf der Basis der Menschenrechte mitzugestalten.

Emanzipatorische Partizipation von migrantischen Schlüsselpersonen als ‚opinion formers’, die aktiv zu Einstellungsveränderungen in konservativen, traditionellen Migrantenfamilien beitragen sollen.

Als oberstes Ziel steht für uns das Recht auf freie PartnerInnewahl für alle, um ein menschenwürdiges Zusammenleben zu erreichen.


Hintergründe:

Eine Zwangsheirat liegt dann vor, wenn die Ehe gegen den Willen der Braut und/oder des Bräutigams geschlossen wird. Dass MigrantInnen gegen ihren Willen verheiratet werden, weil Eltern, Verwandte, Bekannte oder die Gemeinschaft sie dazu zwingen, ist als ein Beleg dafür zu werten, dass nicht alle EinwohnerInnen in der Schweiz das Recht auf Selbstbestimmung wahrnehmen können. Zurzeit untersucht der Bundesrat, wie Zwangsheiraten straf- und zivilrechtlich sanktioniert werden sollen.
Betroffen von Zwangsverheiratungen sind oft weibliche und männliche Jugendliche/Erwachsene der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie England, Deutschland oder Holland ist in der Schweiz nicht nur eine ›dominierende Minderheitengruppe‹ von Zwangsverheiratungen betroffen. Es sind Fälle aus der tamilischen, türkischen, kurdischen und kosovarischen Community bekannt. Es betrifft aber auch kleinere Gemeinschaften wie der Roma, Juden oder orthodoxen ChristInnen aus dem Nahen Osten.
Zwangsverheiratungen können als Platzhalter für zahlreiche Auseinandersetzungen und Zielkonflikte zwischen Individuen, Familien und der Gesellschaft als solche gesehen werden. Um gegenüber vorschnellen ethnischen, religiösen oder regionalen Zuschreibungen vorzubeugen und um Informationen für präventive sowie die Betroffenen unterstützende Massnahmen zu gewinnen, sind sachliche, fachliche und wissenschaftliche Beiträge nötig. Wir wollen weder schönfärberisch noch schwarz malend mit diesem heiklen Thema umzugehen. ›zwangsheirat.ch‹ leistet damit einen Beitrag zu einem konstruktiven, interkulturellen Zusammenleben in der Schweiz, das sich an einer gemeinsamen Zukunft orientiert.


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